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«Man muss anständig ehrgeizig sein»
Der Moderator der XAVER-Award-Verleihung, Rainer Maria Salzgeber, im Gespräch mit MIC über seine Passion.
Herr Salzgeber, wie kamen Sie eigentlich zum Fernsehen?
Ich schickte dem Schweizer Fernsehen 1993 ein Tonband mit einem
Begleitbrief nach dem Motto: «Hier kommt der Mann, auf den ihr schon
lange gewartet habt. Ihr begeht einen Fehler, wenn ihr mich nicht
einstellt.» Nach einigen Monaten erhielt ich eine Absage mit der
Aufforderung, mich 18 Monate später wieder mal zu melden. Ich machte
darauf bei meinem heutigen Chef Urs Leutert Telefonterror, indem ich
innerhalb von 36 Stunden rund 15 Mal anrief. Schliesslich gab Leutert
klein bei und lud mich auf eine Stunde nach Zürich ein. Daraus wurde
dann ein halber Tag. Und da ich die anschliessenden Tests bestand, gab
er mir einen Job, obwohl eigentlich keiner offen war.
Ihre Hartnäckigkeit zahlte sich aber auf jeden Fall aus.
Ich konnte einfach nicht warten, bis jemand mich entdeckte. Ich musste
meinen Gesprächspartnern zu verstehen geben, wer ich war und woher ich
kam. Das hat sicher damit zu tun, dass ich im Wallis zwischen Bergen
aufgewachsen bin. Um diese zu überwinden, muss man wahrscheinlich mehr
geben als andere.
Was heisst das?
Es bedeutet nicht, dass ich talentierter als viele andere Journalisten
in diesem Land bin, aber ich verfolgte mein Ziel konsequenter.
Hat das auch mit Ihrer sportlichen Vergangenheit zu tun?
Ich spielte in Raron und Brig im Fussball-tor, aber ich war zu wenig
talentiert und habe dies auch noch rechtzeitig bemerkt. Ich hatte aber
kein Trauma, sondern nutzte meine Energie anders. Ohne zu wissen, wohin
mich dies führen würde.
Kam Ihnen Ihre Hartnäckigkeit auch später zugute?
Zuerst geht es immer darum zu zeigen, was man kann. Dazu gehören
günstige Rahmenbedingungen und/oder Bedürfnisse der Vorgesetzten. Diese
Möglichkeiten muss man konsequent nutzen und anständig ehrgeizig sein.
Man muss einen Egoismus ausleben, der der Gruppe nicht schadet. Durch
sich öffnende Türen muss man durchgehen, ohne allzu lange nach hinten
zu schauen.
Welches war denn die entscheidende Türe?
Das Vertrauen meiner Chefs, mir Moderationsaufgaben zu übertragen.
Das war schon immer mein Traum, ich habe diese Tätigkeit gesucht. Die
meisten Leute, die zum Fernsehen gehen, wollen moderieren, auch wenn
dies nur wenige zugeben. Ich stand immer ohne Wenn und Aber dazu. Ich
habe zum Beispiel auch Fussballspiele live kommentiert und
festgestellt, dass dies nicht mein Ding war.
Weshalb?
Weil andere dies besser machen. Neben der Qualität der Arbeit und dem
Wissen um seine Stärken ist es auch wichtig zu realisieren, was man
nicht kann. Also investierte ich meine Energie in die Moderation. Ich
konnte schon bald gute und wichtige Sendungen moderieren, schliesslich
wurden diese immer grösser. Ich bin mir bewusst, dass viele dies auch
tun könnten. Aber nicht alle erhalten die Möglichkeiten, dies zu
zeigen. Bei mir kamen zwei Umstände zusammen: Ich erhielt die Chancen
und verfügte über die Qualitäten, diese optimal zu nutzen. Ich
vergleiche dies mit einem Fussballer, der einen Penalty schiesst: Er
kann den Schiedsrichterentscheid nicht beeinflussen, aber er kann den
Strafstoss verwerten oder verschiessen.
Welches war Ihr bisher wichtigster Strafstoss?
Die Euro 08. Das war eine einmalige Plattform. Hätte ich diese nicht nutzen können, hätte ich den Job wechseln müssen.
Wie geht’s nach einem Hoch mit 39 Jahren weiter?
In anderen Jobs heisst’s jeweils, jetzt musst du was anderes tun, dich
weiter-ent-wickeln. Mein Job ist aber äusserst facettenreich. Für mich
ist Aarau – St.Gallen auch beim
20. Aufeinandertreffen noch interessant, denn der Sport ist schlecht
voraussehbar. Das macht auch kleine Sachen spannend. Ich muss
keineswegs um alles in der Welt eine Samstagabend-Kiste moderieren. Ich
bin mit dem, was ich heute mache, sehr glücklich und kann mir durchaus
vorstellen, dies noch zehn Jahre zu tun. Darum stehen Gedanken an die
Zukunft bei mir nicht im Vordergrund.
Steckt dahinter eine Art Philosophie?
Ich bin überzeugt, dass man auch für kleine Sachen bereit sein muss,
sonst ist man’s auch nicht für grosse. Roger Federer trainiert wohl am
meisten die einfachsten Sachen. Aber er übt sie so lange, bis er sie im
Grand-Slam-Final blind abrufen kann.
Hat Ihr Wohlbefinden auch damit zu tun, dass Sie es mit interessanten Zeitgenossen zu tun haben?
Diesen Faktor habe ich bisher eher vernachlässigt. Aber es trifft schon
zu, mit Cracks wie Gilbert Gress oder Otmar Hitzfeld zu tun zu haben,
ist tatsächlich spannend. Das hat die schöne Konsequenz, dass ich Spass
beim Arbeiten habe, aber auch die negative, dass man nicht bemerkt,
wenn man arbeitet. Eine Leidenschaft zum Beruf zu haben, ist mit keinem
Geld dieser Welt aufzuwiegen.
Wo lauern die Gefahren im Job? Kommt man Leuten nicht zu nahe?
Das war während einer gewissen Phase durchaus möglich. Man will dann
auch ein Player sein und den Platz des Vermittlers verlassen. Mit der
Gelassenheit und dem Alter besteht diese Gefahr heute weniger.
Was hat sich während der letzten 15 Jahre im Bereich Sport am Fernsehen verändert?
Vieles ist selbstverständlicher geworden. Früher waren Männer wie Heinz
Pütz oder Max Wolf, mit denen ich zusammenarbeiten durfte, in der
Schweiz Halbgötter. Heute ist es nichts Besonderes, beim Fernsehen zu
arbeiten, denn es gibt unzählige Sender und damit auch Moderatoren.
Dank der Hilfsmittel wie Internet ist der Job auch einfacher geworden.
Komplexer ist dafür das Umfeld, wenn man nur schon an den Erwerb von
Ausstrahlungsrechten denkt.
Welche Rolle spielt da das Web?
Als ich anfing, war es eine Herausforderung, sich Informationen über
Dynamo Kiew nur schon in englischer Sprache zu verschaffen. 15 Jahre
später geht es darum abzuwägen, was verzichtbar ist. All diese
Hilfsmittel erleichtern einem das Leben ungemein, wenn man sie richtig
einsetzt. Tut man dies nicht, kann die Gesellschaft darunter leiden.
Früher sah man sich bei Vorwürfen noch in die Augen, heute drückt man
auf Tasten, man spricht viel weniger miteinander. Da ich einen Job
habe, bei dem Rhetorik wichtig ist, bedaure ich diese Entwicklung.
Wie generieren Sie Mehrwert für einen Zuschauer, der mehr weiss als früher?
Am grössten ist die Herausforderung für den Print-Journalismus. Dieser
wurde in den letzten Jahren laufend überholt. Unser grosser Trumpf ist
und bleibt das bewegte Bild, denn der grösste Teil der Zuschauer
informiert sich über Bilder. Diese wunderbare Plattform müssen wir
nutzen, um – ohne ins Plaudern zu kommen – unsere Geschichten zu
erzählen.
Denken Sie daran, sich eines Tages nicht nur über den Sport zu definieren?
Da muss ich eine andere Veränderung ansprechen. Früher war der Sport in
der Nähe der Information anzusiedeln. Heute ist der Sport nach meiner
Meinung näher bei der Unterhaltung. Wenn ich Sendungen mit Gilbert
Gress und Andy Egli mache, geht es schon in erster Linie darum zu
beurteilen, ob Real Madrid gewinnt oder nicht. Aber ebenso wichtig ist
der Umgang mit dieser Plattform, mit dem nackten Resultat. Es geht um
Verpackung, und die hat sehr viel mit der Unterhaltung zu tun. Mein
Anspruch ist, dies auf einem intelligenten Level zu tun. Ich nenne dies
«Stammtisch auf hohem Niveau».
Da ist der Schritt zur Unterhaltung ohne sportlichen Hintergrund nicht mehr so gross.
Das ist für mich kein Ziel. Ich will den Sport keinesfalls aufgeben, um
etwas anderes zu machen. Der Sport ist für mich eine Passion. Es müsste
sehr viel geschehen, um mich in eine andere Richtung zu orientieren.
Sie stehen aber sichtlich gerne im Rampenlicht.
Ehrlich gesagt, ja. Ich war schon in der Schule vorlaut. In der Schweiz
wird der Drang ins Rampenlicht eher negativ wahrgenommen. Ich habe da
eine etwas andere Auffassung. Ich trete gerne auf, es macht mir Spass
und ich habe das Gefühl, dass ich da meine Qualitäten besser ausspielen
kann als in Strategiesitzungen.
Sind Sie denn teamfähig?
Im Fernsehen geschieht alles im Team. Als Einzelkämpfer ist man da
verloren. Oft arbeiten mehrere Dutzend Leute am selben Produkt, die
nicht sichtbar sind. Als Moderator habe ich eine doppelte
Verantwortung, nach innen und nach aussen. Als Solist ist man nicht
gefragt.
Ihr Walliser Idiom hat Sie dabei nie benachteiligt?
Ganz im Gegenteil. Für mich ist auch klar, weshalb. Unser Dialekt
klingt sehr melodiös, was in der Fremdwahrnehmung von Vorteil ist.
Ecken und Staccati stossen eher auf Ablehnung. Für viele ist ein
Walliser auch noch eine Art Exot, oder der Kanton mit
Ferienerinnerungen verbunden. Ich muss allerdings so sprechen, dass
mich 99% der Zuschauer verstehen und dass das eine Prozent Oberwalliser
überzeugt ist, dass ich einer der ihren bin. //
Ein Blick auf Events
Sie moderieren ab und an auch Events wie Award-Verleihungen.
Das ist schon cool. Aber als Festangestellter muss ich mich auch immer mit meinen Vorgesetzten absprechen. Ich kann zwar heute auswählen, aber ich will auf keinen
Fall unglaubwürdig werden. Modeschauen oder Produkt-Launches liegen zum
Beispiel nicht drin. Vorfahrt hat aber immer das Fernsehen. Auch muss
die Veranstaltung ein gewisses Gewicht haben, denn es kann – ohne
jemandem zu nahe treten zu wollen – doch nicht sein, dass das Produkt
Salzgeber in einer Doppelturnhalle stattfindet und nicht öffentlich
wahrnehmbar ist. Am liebsten sind mir immer noch Events, die mit meiner
Passion zu tun haben. Also Gespräche mit Otmar Hitzfeld, aber keine
Weihnachtsfeiern von Fussballklubs.
Sie könnten ja Ihre Festanstellung aufgeben und freier werden.
Im Moment habe ich keine solchen Absichten, vielleicht kommt dies aber
noch. Was ich dafür aufgeben müsste, ist so cool, dass ich mich schon
gar nicht damit befasse. Ich habe auch noch nie den Markt evaluiert,
ich weiss gar nicht, wie er funktioniert. Und ich stelle mir die Frage,
ob jemand, der nicht mehr moderiert, auch noch gefragt ist.
Neulich haben Sie die XAVER-Preisverleihung moderiert.
Mich hat dies gereizt, weil ich selber an Events teilnehme oder Teil
davon bin. Auch habe ich einen gewissen Bezug zur Branche, hinter deren
Kulissen ich auch schon geblickt habe.
Was zeichnet einen guten Event aus?
Er hat sehr viel mit einer gelungenen Fernsehsendung gemein, er muss
nämlich für den Endverbraucher gemacht sein und nicht für irgendwelche
Interessengruppen. Zwar geben viele vor zu wissen, was der Zuschauer
mag. Aber nur ganz wenige Macher haben das richtige Gespür dafür. Der
ideale Event muss süffig und unterhaltsam sein, mehr den Bauch als den
Kopf anvisieren. Dazu gehört auch der Mut, etwas anders als alle andern
zu machen.
Rainer Maria Salzgeber
Salzgeber (geboren am 15. August 1969, an Mariä Himmelfahrt, daher der
Vorname Maria) wuchs im Wallis auf und besuchte dort die Schulen bis
zur Matura. Studium in Bern (Geschichte, Politik und Medien), Tätigkeit
als Radiojournalist bei Radio Rottu, seit 1994 fest beim Schweizer
Fernsehen angestellt. Salzgeber ist verheiratet und hat zwei Kinder
(Sohn sechs und Tochter neun Jahre). Er lebt mit seiner Familie in der
Nähe von Zürich.
Peter Kuhn


