05.09.2010
Eine Publikation der Primus Verlag AG
 
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«Man muss anständig ehrgeizig sein»

Der Moderator der XAVER-Award-Verleihung, Rainer Maria Salzgeber, im Gespräch mit MIC über seine Passion.

Herr Salzgeber, wie kamen Sie eigentlich zum Fernsehen?
Ich schickte dem Schweizer Fernsehen 1993 ein Tonband mit einem Begleitbrief nach dem Motto: «Hier kommt der Mann, auf den ihr schon lange gewartet habt. Ihr begeht einen Fehler, wenn ihr mich nicht einstellt.» Nach einigen Monaten erhielt ich eine Absage mit der Aufforderung, mich 18 Monate später wieder mal zu melden. Ich machte darauf bei meinem heutigen Chef Urs Leutert Telefonterror, indem ich innerhalb von 36 Stunden rund 15 Mal anrief. Schliesslich gab Leutert klein bei und lud mich auf eine Stunde nach Zürich ein. Daraus wurde dann ein halber Tag. Und da ich die anschliessenden Tests bestand, gab er mir einen Job, obwohl eigentlich keiner offen war.

Ihre Hartnäckigkeit zahlte sich aber auf jeden Fall aus.
Ich konnte einfach nicht warten, bis jemand mich entdeckte. Ich musste meinen Gesprächspartnern zu verstehen geben, wer ich war und woher ich kam. Das hat sicher damit zu tun, dass ich im Wallis zwischen Bergen aufgewachsen bin. Um diese zu überwinden, muss man wahrscheinlich mehr geben als andere.

Was heisst das?
Es bedeutet nicht, dass ich talentierter als viele andere Journalisten in diesem Land bin, aber ich verfolgte mein Ziel konsequenter.

Hat das auch mit Ihrer sportlichen Vergangenheit zu tun?
Ich spielte in Raron und Brig im Fussball-tor, aber ich war zu wenig talentiert und habe dies auch noch rechtzeitig bemerkt. Ich hatte aber kein Trauma, sondern nutzte meine Energie anders. Ohne zu wissen, wohin mich dies führen würde.

Kam Ihnen Ihre Hartnäckigkeit auch später zugute?
Zuerst geht es immer darum zu zeigen, was man kann. Dazu gehören günstige Rahmenbedingungen und/oder Bedürfnisse der Vorgesetzten. Diese Möglichkeiten muss man konsequent nutzen und anständig ehrgeizig sein.
Man muss einen Egoismus ausleben, der der Gruppe nicht schadet. Durch sich öffnende Türen muss man durchgehen, ohne allzu lange nach hinten zu schauen.

Welches war denn die entscheidende Türe?
Das Vertrauen meiner Chefs, mir Moderationsaufgaben zu übertragen.
Das war schon immer mein Traum, ich habe diese Tätigkeit gesucht. Die meisten Leute, die zum Fernsehen gehen, wollen moderieren, auch wenn dies nur wenige zugeben. Ich stand immer ohne Wenn und Aber dazu. Ich habe zum Beispiel auch Fussballspiele live kommentiert und festgestellt, dass dies nicht mein Ding war.

Weshalb?
Weil andere dies besser machen. Neben der Qualität der Arbeit und dem Wissen um seine Stärken ist es auch wichtig zu realisieren, was man nicht kann. Also investierte ich meine Energie in die Moderation. Ich konnte schon bald gute und wichtige Sendungen moderieren, schliesslich wurden diese immer grösser. Ich bin mir bewusst, dass viele dies auch tun könnten. Aber nicht alle erhalten die Möglichkeiten, dies zu zeigen. Bei mir kamen zwei Umstände zusammen: Ich erhielt die Chancen und verfügte über die Qualitäten, diese optimal zu nutzen. Ich vergleiche dies mit einem Fussballer, der einen Penalty schiesst: Er kann den Schiedsrichterentscheid nicht beeinflussen, aber er kann den Strafstoss verwerten oder verschiessen.

Welches war Ihr bisher wichtigster Strafstoss?
Die Euro 08. Das war eine einmalige Plattform. Hätte ich diese nicht nutzen können, hätte ich den Job wechseln müssen.

Wie geht’s nach einem Hoch mit 39 Jahren weiter?
In anderen Jobs heisst’s jeweils, jetzt musst du was anderes tun, dich weiter-ent-wickeln. Mein Job ist aber äusserst facettenreich. Für mich ist Aarau – St.Gallen auch beim
20. Aufeinandertreffen noch interessant, denn der Sport ist schlecht voraussehbar. Das macht auch kleine Sachen spannend. Ich muss keineswegs um alles in der Welt eine Samstagabend-Kiste moderieren. Ich bin mit dem, was ich heute mache, sehr glücklich und kann mir durchaus vorstellen, dies noch zehn Jahre zu tun. Darum stehen Gedanken an die Zukunft bei mir nicht im Vordergrund.

Steckt dahinter eine Art Philosophie?
Ich bin überzeugt, dass man auch für kleine Sachen bereit sein muss, sonst ist man’s auch nicht für grosse. Roger Federer trainiert wohl am meisten die einfachsten Sachen. Aber er übt sie so lange, bis er sie im Grand-Slam-Final blind abrufen kann.

Hat Ihr Wohlbefinden auch damit zu tun, dass Sie es mit interessanten Zeitgenossen zu tun haben?
Diesen Faktor habe ich bisher eher vernachlässigt. Aber es trifft schon zu, mit Cracks wie Gilbert Gress oder Otmar Hitzfeld zu tun zu haben, ist tatsächlich spannend. Das hat die schöne Konsequenz, dass ich Spass beim Arbeiten habe, aber auch die negative, dass man nicht bemerkt, wenn man arbeitet. Eine Leidenschaft zum Beruf zu haben, ist mit keinem Geld dieser Welt aufzuwiegen.

Wo lauern die Gefahren im Job? Kommt man Leuten nicht zu nahe?
Das war während einer gewissen Phase durchaus möglich. Man will dann auch ein Player sein und den Platz des Vermittlers verlassen. Mit der Gelassenheit und dem Alter besteht diese Gefahr heute weniger.

Was hat sich während der letzten 15 Jahre im Bereich Sport am Fernsehen verändert?
Vieles ist selbstverständlicher geworden. Früher waren Männer wie Heinz Pütz oder Max Wolf, mit denen ich zusammenarbeiten durfte, in der Schweiz Halbgötter. Heute ist es nichts Besonderes, beim Fernsehen zu arbeiten, denn es gibt unzählige Sender und damit auch Moderatoren. Dank der Hilfsmittel wie Internet ist der Job auch einfacher geworden. Komplexer ist dafür das Umfeld, wenn man nur schon an den Erwerb von Ausstrahlungsrechten denkt.

Welche Rolle spielt da das Web?
Als ich anfing, war es eine Herausforderung, sich Informationen über Dynamo Kiew nur schon in englischer Sprache zu verschaffen. 15 Jahre später geht es darum abzuwägen, was verzichtbar ist. All diese Hilfsmittel erleichtern einem das Leben ungemein, wenn man sie richtig einsetzt. Tut man dies nicht, kann die Gesellschaft darunter leiden. Früher sah man sich bei Vorwürfen noch in die Augen, heute drückt man auf Tasten, man spricht viel weniger miteinander. Da ich einen Job habe, bei dem Rhetorik wichtig ist, bedaure ich diese Entwicklung.

Wie generieren Sie Mehrwert für einen Zuschauer, der mehr weiss als früher?
Am grössten ist die Herausforderung für den Print-Journalismus. Dieser wurde in den letzten Jahren laufend überholt. Unser grosser Trumpf ist und bleibt das bewegte Bild, denn der grösste Teil der Zuschauer informiert sich über Bilder. Diese wunderbare Plattform müssen wir nutzen, um – ohne ins Plaudern zu kommen – unsere Geschichten zu erzählen.

Denken Sie daran, sich eines Tages nicht nur über den Sport zu definieren?
Da muss ich eine andere Veränderung ansprechen. Früher war der Sport in der Nähe der Information anzusiedeln. Heute ist der Sport nach meiner Meinung näher bei der Unterhaltung. Wenn ich Sendungen mit Gilbert Gress und Andy Egli mache, geht es schon in erster Linie darum zu beurteilen, ob Real Madrid gewinnt oder nicht. Aber ebenso wichtig ist der Umgang mit dieser Plattform, mit dem nackten Resultat. Es geht um Verpackung, und die hat sehr viel mit der Unterhaltung zu tun. Mein Anspruch ist, dies auf einem intelligenten Level zu tun. Ich nenne dies «Stammtisch auf hohem Niveau».

Da ist der Schritt zur Unterhaltung ohne sportlichen Hintergrund nicht mehr so gross.
Das ist für mich kein Ziel. Ich will den Sport keinesfalls aufgeben, um etwas anderes zu machen. Der Sport ist für mich eine Passion. Es müsste sehr viel geschehen, um mich in eine andere Richtung zu orientieren.

Sie stehen aber sichtlich gerne im Rampenlicht.
Ehrlich gesagt, ja. Ich war schon in der Schule vorlaut. In der Schweiz wird der Drang ins Rampenlicht eher negativ wahrgenommen. Ich habe da eine etwas andere Auffassung. Ich trete gerne auf, es macht mir Spass und ich habe das Gefühl, dass ich da meine Qualitäten besser ausspielen kann als in Strategiesitzungen.

Sind Sie denn teamfähig?
Im Fernsehen geschieht alles im Team. Als Einzelkämpfer ist man da verloren. Oft arbeiten mehrere Dutzend Leute am selben Produkt, die nicht sichtbar sind. Als Moderator habe ich eine doppelte Verantwortung, nach innen und nach aussen. Als Solist ist man nicht gefragt.

Ihr Walliser Idiom hat Sie dabei nie benachteiligt?
Ganz im Gegenteil. Für mich ist auch klar, weshalb. Unser Dialekt klingt sehr melodiös, was in der Fremdwahrnehmung von Vorteil ist. Ecken und Staccati stossen eher auf Ablehnung. Für viele ist ein Walliser auch noch eine Art Exot, oder der Kanton mit Ferienerinnerungen verbunden. Ich muss allerdings so sprechen, dass mich 99% der Zuschauer verstehen und dass das eine Prozent Oberwalliser überzeugt ist, dass ich einer der ihren bin. //

Ein Blick auf Events

Sie moderieren ab und an auch Events wie Award-Verleihungen.

Das ist schon cool. Aber als Festangestellter muss ich mich auch immer mit meinen Vorgesetzten absprechen. Ich kann zwar heute auswählen, aber ich will auf keinen Fall unglaubwürdig werden. Modeschauen oder Produkt-Launches liegen zum Beispiel nicht drin. Vorfahrt hat aber immer das Fernsehen. Auch muss die Veranstaltung ein gewisses Gewicht haben, denn es kann – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen – doch nicht sein, dass das Produkt Salzgeber in einer Doppelturnhalle stattfindet und nicht öffentlich wahrnehmbar ist. Am liebsten sind mir immer noch Events, die mit meiner Passion zu tun haben. Also Gespräche mit Otmar Hitzfeld, aber keine Weihnachtsfeiern von Fussballklubs.

Sie könnten ja Ihre Festanstellung aufgeben und freier werden.
Im Moment habe ich keine solchen Absichten, vielleicht kommt dies aber noch. Was ich dafür aufgeben müsste, ist so cool, dass ich mich schon gar nicht damit befasse. Ich habe auch noch nie den Markt evaluiert, ich weiss gar nicht, wie er funktioniert. Und ich stelle mir die Frage, ob jemand, der nicht mehr moderiert, auch noch gefragt ist. 

Neulich haben Sie die XAVER-Preisverleihung moderiert.
Mich hat dies gereizt, weil ich selber an Events teilnehme oder Teil davon bin. Auch habe ich einen gewissen Bezug zur Branche, hinter deren Kulissen ich auch schon geblickt habe.

Was zeichnet einen guten Event aus?
Er hat sehr viel mit einer gelungenen Fernsehsendung gemein, er muss nämlich für den Endverbraucher gemacht sein und nicht für irgendwelche Interessengruppen. Zwar geben viele vor zu wissen, was der Zuschauer mag. Aber nur ganz wenige Macher haben das richtige Gespür dafür. Der ideale Event muss süffig und unterhaltsam sein, mehr den Bauch als den Kopf anvisieren. Dazu gehört auch der Mut, etwas anders als alle andern zu machen.

Rainer Maria Salzgeber
Salzgeber (geboren am 15. August 1969, an Mariä Himmelfahrt, daher der Vorname Maria) wuchs im Wallis auf und besuchte dort die Schulen bis zur Matura. Studium in Bern (Geschichte, Politik und Medien), Tätigkeit als Radiojournalist bei Radio Rottu, seit 1994 fest beim Schweizer Fernsehen angestellt. Salzgeber ist verheiratet und hat zwei Kinder (Sohn sechs und Tochter neun Jahre). Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Zürich.

Peter Kuhn

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