05.09.2010
Eine Publikation der Primus Verlag AG
 
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Tagungstechnik – fix oder Besser ad hoc?

Neue Technolgien bieten endlose Möglichkeiten, um Seminarräume hochzurüsten. Doch welche Technik ist wirklich notwendig und was entpuppt sich als Kostenfalle?

Der Boden des Saals «Metamorphosis» im Luganeser Palazzo Mantegazza gleicht einem fliessenden Bergbach. Bei jedem Schritt der Besucher kommt Bewegung ins Wasser, konzentrische Kreise bilden sich um High Heels und Herrenschuhe. Ein paar Sekunden später ist der Bach verschwunden, der Saal verwandelt sich in eine Disco, dann in ein edles Restaurant, einen Laufsteg und schliesslich in eine Ausstellungshalle.

Das ausgefeilte Technikkonzept, das von Giugiaro Architettura für die Tessiner Mehrzweckhalle entwickelt wurde, ist spektakulär und erlaubt es Kunden, den Saal ohne Mehrkosten nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen anzupassen.

Doch was an einem Ort Sinn macht, kann sich in einem anderen Kontext als Kostenfalle entpuppen. Was gehört beispielsweise zur technischen Grundausstattung eines Seminar- und Tagungshotels und was nicht?

Die Tipps der Anbieter

Michele Imobersteg, Geschäftsleiter des Volketswiler Medien-Engineering-Unternehmens Decatron, bricht das komplexe Thema auf eine einfache Antwort herab: «Im Zentrum stehen immer noch der Präsentator und sein Verhältnis zu den Zuhörern. Die Technik soll unterstützend dienen, indem sie im Hintergrund die auditiven und visuellen Botschaften verstärkt.»

Technik darf also nicht vom Inhalt ablenken, auch wenn gezielt eingesetzte Hilfsmittel für Aufmerksamkeit und Überraschungseffekte sorgen können. José-Luis Guil, Chef des Technikspezialisten Modernlight, betont die Relevanz einer guten Sprachverständlichkeit (Beschallungssystem), guter Daten- und Bildinformationen (Livecam/Videoproduktion), einer zweckmässigen Beleuchtung (Rednerlicht/Effektlicht/Ambientelicht) sowie elektronischer Abstimmungssysteme.

Auf die Frage, was zwingend zur Ausstattung eines Tagungs- und Seminarbereichs gehört, meint Imobersteg: «Auf jeden Fall eine Videoprojektion und je nach Grösse des Saals eine perfekt abgestimmte Tonanlage. Weil immer mehr zwischen örtlich unabhängigen Gruppen diskutiert wird, empfiehlt sich auch ein Videoconferencing System. Und eine Raumsteuerung als zentrales Element für die Bedienung aller Geräte.»

Kauf oder Miete?

Einig sind sich die beiden Experten darüber, bei welchen Elementen ein Kauf Sinn macht: «Der Kauf lohnt sich immer dann, wenn täglich oder wöchentlich auf die gleiche Zusammensetzung der Technik zurückgegriffen werden muss. Besonderes Gewicht bei einem Kauf muss jedoch auf die Bedienung gelegt werden. Denn jede Mikrofonanlage ist immer so gut, wie sie der bedienende Techniker im Griff hat», so Imobersteg. Guil würde Bauherrn konkret den Kauf einer Standard-Audioanlage inklusive Mikrofonie, eines Videoprojektors inklusive Leinwand sowie einer Grundbeleuchtung empfehlen.

Eine Miete lohnt sich dagegen laut Imobersteg immer dann, wenn die Zusammensetzung ständig variiert oder externe Spezialisten ein integraler Bestandteil der Lösung sind. Für Guil macht das Mieten einer Dokumentenkamera Sinn, da diese teuer sei und nicht oft verlangt werde; des Effekt- und Showlichts, das immer neuen Bedürfnissen gerecht werden müsse und für welches es Know-how und Manpower brauche; sowie der Live-Kameras, für die ebenfalls geschultes Personal benötigt werde.

Stolpersteine

Kostenfallen entstehen laut Imobersteg meist bei der Raumsteuerung und deren Programmierung, wenn zu wenig oder zu viele Funktionen (die niemand bedienen kann) angedacht wurden. Auch würden zwischen Planungsphase und Realisierung oft viele Monate oder sogar Jahre klaffen. «In dieser Zeit evolutioniert die Technik. Das heisst, im Moment der Ausschreibung ist die Zukunft der neuen Technik mit einzubeziehen.» Die Lebensdauer bei professionellen Medien wie zum Beispiel der Projektion liege bei etwa drei Jahren; der Tonanlagen bei sechs Jahren; der Lichtanlagen bei neun Jahren – dies sei selbstverständlich abhängig von der gewählten Technik und den Ansprüchen der Kunden. Guil weist darauf hin, dass es neben der technischen Ausstattung weitere Aspekte zu beachten gebe: beispielsweise eine gute Zufahrt für LKWs und Sattelschlepper; Raum für alle beteiligten Lieferanten; möglichst viel Aushängepunkte im Raum und genügend Stromanschlüsse.

Decatron generiert mit Verkauf und Vermietung etwa gleich viel Umsatz, wobei die Nettowertschöpfung im traditionellen Miet- und Eventbereich erzielt wird. Bei Modernlight, die sich als Full Rental Service Partner spezialisiert hat, ist die Vermietung das Kerngeschäft; der Verkaufsanteil macht rund 10–15% des Umsatzes aus.

Die Erfahrung der Auftraggeber

Das Mövenpick Hotel Zürich-Regensdorf, das Swissôtel Zürich und das Zürich Marriott haben kürzlich ihre Seminar- und Tagungsinfrastruktur erneuert bzw. ergänzt. Offenbar wurden dabei alle drei Häuser gut beraten, denn keiner der Bauherren gibt an, etwas installiert zu haben, dass sich im Nachhinein als überflüssig erwies. Auch scheinen die Grundbedürfnisse der Kunden ganz klar definiert zu sein: Beamer und dazugehörige Leinwände sind heutzutage unterlässlich; und neben der modernen Licht- und Bildtechnik spielt die Tontechnik eine wichtige Rolle.  Ein weiteres Augenmerk wurde auf eine einfache Handhabung der Geräte sowie auf ein Angebot aus einer Hand gelegt. «Wir haben ausserdem bewusst einen Hersteller gewählt, damit Kompatibilität und Flexibilität gewährleistet sind und Wartungskosten reduziert werden können», sagt Norbert Fontana, Gastgeber im Mövenpick Hotel Zürich-Regensdorf.
 
Keine kostenintensiven Anlagen

Verzichtet wurde generell auf kostenintensive Anlagen. Marc Ohlendorf, General Manager Swissôtel Zürich, erklärt, man habe auf Videokonferenz-, Dolmetscheranlagen sowie auf eine Konzertausstattung aufgrund fehlenden Bedarfs verzichtet. «Eine Amortisierung wäre nicht möglich; zudem ist die Technik sehr schnelllebig und die Anlagen müssten bald wieder ausgetauscht werden.» Auch im Marriott hat man sich gegen solche Systeme entschieden: «Die fest installierten Simultanübersetzungsanlagen werden selten verlangt und benötigen sehr viel Platz. Die Videokonferenztechnik muss mit derjenigen des Partners kompatibel sein. Daher ist es einfacher und sicherer, die entsprechende Technik bei Bedarf zu mieten. Auch sind beide Technologien in der Anschaffung relativ teuer», sagt Corinne Gsell-Lallemang, Public Relations & Marketing Zürich Marriott Hotel.

Im Mövenpick wurde auf schnelllebige technische Hilfsmittel sowie – nach dem Umbau des Meeting Places – auf die Installation von Hellraumprojektoren verzichtet.
Fontana vom Mövenpick Zürich-Regensdorf weist auf versteckte Kostenfallen bei scheinbar günstigen Anschaffungen hin. So sei beispielsweise ein Beamer zu relativ moderaten Preisen erhältlich, jedoch würde eine Ersatzlampe halb bis genauso viel wie das ganze Gerät kosten. Auch die Schnelllebigkeit gewisser Anlage habe zur Folge, dass plötzlich keine Ersatzteile mehr erhältlich sein. «Da wir nur mit Basistechnik ausgestattet sind und den Rest zumieten, müssen wir die Technik jedoch weniger oft überholen.»

Das Zürich Marriott kontrolliert die Kosten im Technikbereich indem zweimal jährlich Audits durchgeführt werden. Eine externe Firma kontrolliert alle Veranstaltungsräume und überprüft, ob diese auf dem neusten technischen Stand und die Preise im Rahmen sind. «Wichtig ist zudem, dass der Kunde bei einer Buchung auch in technischen Belangen individuell beraten wird», sagt Gsell-Lallemang. «Bei allfälligem Bedarf können wir auch zusätzliche Technik anmieten. So gewährleisten wir, dass der Kunde diejenigen Hilfsmittel erhält, die er auch wirklich benötigt.»

Technik als Verkaufsargument

Die technische Ausstattung eines Hotels ist ein wichtiges Verkaufsargument. «Heute wird in Business Hotels eine moderne technische Ausstattung erwartet und verlangt. In unserem Fall ist noch wichtiger, dass wir über zwei geräumige Ballsäle und ein Foyer auf derselben Etage mit grosser Fensterfront und Blick auf den Landesmuseumspark verfügen», meint Gsell-Lallemang. Und Ohlendorf erklärt: «Dank unserer technischen Ausstattung und unseres Kongresstechnikers bieten wir einen rundum modernen und umfangreichen technischen Service an.» Fontana ergänzt, es sei auch wichtig, frühzeitig das Bedürfnis des Gastes zu erkennen und von Beginn weg eine Fachperson beizuziehen. Eine grosse Rolle spielte übrigens der Faktor Nachhaltigkeit in allen drei Fällen. «Mit der Sanierung des Kongress-Saals im Mövenpick Hotel Zürich-Regensdorf im vergangenen Jahr wurde das Lichtkonzept zum zentralen Thema erklärt. Alles ist weitgehend digitalisiert, mit LED ausgestattet und somit energieeffizient. Wir konnten die Werte eines wiederkehrenden Tagesanlasses vergleichen und haben eine Verringerung des Stroms um 48% festgestellt», sagt Fontana.

Und Ohlendorf meint: «Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind im Swissôtel Zürich auch im Konferenzbereich von grosser Bedeutung. Wir legen unter anderem Wert auf Sparlampen sowie Geräte und Anlagen mit Standby-Modus. Das Swissôtel Zürich ist im Bereich Nachhaltigkeit und Umweltmanagement ISO- 14001-zertifiziert. Sämtliche Investitionen hängen schlussfolgernd davon ab.»

Auch das Zürich Marriott Hotel ist seit einem Jahr ISO-14001-zertifiziert und bekennt sich zu diesem Umweltmanagementsystem. «Sofern energiesparende Möglichkeiten erhältlich und installierbar sind, berücksichtigen wir wenn immer möglich diese Varianten», so Gsell-Lallemang. //

Denise Weisflog

» www.decatron.ch
» www.modernlight.ch
» www.moevenpick-hotels.com
» www.swissotel.com/zurich
» www.zurichmarriott.com

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